Was weißt du über den Kollektivvertrag?

Der Kollektivvertrag ist die zentrale Errungenschaft der Gewerkschaftsbewegung, aber kaum jemand kennt genau die lange, bewegte Geschichte dahinter. Hättest Du die richtige Antwort auf diese 7 Fragen gewusst?

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Frage 1 von 7
Wann wurde der erste österreichweit gültige kollektive Arbeitsvertrag abgeschlossen?
  • 1848
  • 1895
  • 1905
  • 1947
Im November 1895 endeten die Verhandlungen der Buchdruckergehilfen mit den Arbeitgebern mit der Unterzeichnung eines österreichweiten kollektiven Arbeitsvertrages – dem Schlusspunkt eines jahrzehntelangen Kampfes.
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Im Revolutionsjahr 1848 schlossen die Gehilfen mit dem Buchdruckergremium eine Übereinkunft betreffend Arbeitszeitverkürzung, Lohnerhöhung, arbeitsfreie Feier- und Sonntage sowie die Abschaffung der weiblichen Arbeiter bei den Maschinen und Manipulationen ab. Mit der Niederschlagung der Revolution verschwand auch die Übereinkunft, nicht aber die Idee zu kollektiven Arbeitsverträgen.

Im Jahr 1868 gab es in Wien eine Tarifvereinbarung, die aber nicht eingehalten wurde, auch ein Streik im Jahr 1870 konnte dies nicht ändern. Erst die Unterzeichnung des „Weltausstellungstarifs“ am 7. April 1873 brachte erhebliche Verbesserungen. Man wollte sicherstellen, dass die Buchdrucker bereit waren, ob des erhöhten Bedarfs während der Weltausstellung nicht zu streiken. Der Tarif hielt allerdings nur bis zum 9. Mai 1873 – dem Schwarzen Freitag an der Wiener Börse.

Bis ins Jahr 1887 gab es immer wieder Streiks sowie Abschlüsse in Wien und auch in Linz. Im Jahr 1888 machten die Arbeitgeber den Vorschlag, einen einheitlichen Normallohntarif nach deutschem Vorbild auszuarbeiten. Die Gehilfen waren prinzipiell dafür, die Arbeitgeber erhofften sich jedoch dadurch Lohnreduzierungen.

Also erarbeiteten die Gehilfen einen Gegenvorschlag, diskutierten diesen mit Kollegen in ganz Österreich und übergaben ihn den ArbeitgeberInnen. Es folgten unzählige Versammlungen, Besprechungen und Verhandlungen, bis schließlich im November 1895 der erste österreichweit gültige Normaltarifvertrag abgeschlossen werden konnte.

Gültig von 1. Jänner 1896 bis 31. Dezember 1899, beinhaltete der Vertrag auch die neunstündige Tagesarbeitszeit, sechs Lohnklassen, und Frauen, die als Setzerinnen arbeiten, sollten den gleichen Lohn erhalten wie ihre Kollegen.

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Wann wurden Kollektivverträge erstmals gesetzlich geregelt?
  • 1909
  • 1919
  • 1939
  • 1949
Am 18. Dezember 1919 verabschiedete der Nationalrat das Gesetz „über die Errichtung von Einigungsämtern und über kollektive Arbeitsverträge“. Es trat am 13. Februar 1920 in Kraft.
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Bis dahin war es einzelnen ArbeitnehmerInnen beinahe unmöglich auf rechtlicher Basis kollektivvertraglich zugesicherte Ansprüche durchzusetzen. So blieb als einziges Mittel, um einen Abschluss und die folgende Einhaltung der Kollektivverträge zu erreichen, oft nur der Streik.

Da aber die Anzahl der abgeschlossenen Kollektivverträge stetig stieg – im Jahr 1909 waren es bereits 570 Verträge für 9.741 Betriebe –, setzte der Staat im Arbeitsbeirat im Jahr 1911 einen Sonderausschuss für Fragen des Kollektivvertrages ein, doch dieser tagte bis zu Kriegsbeginn 1914 nie.

Während des Ersten Weltkrieges galt für kriegswichtige Betriebe das Kriegsleistungsgesetz, das bestehende Kollektivverträge zwar nicht außer Kraft setze, aber es war verboten zu streiken und die UnternehmerInnen ignorierten die Verträge weitgehend. Die Klagen der ArbeiterInnen nahmen zu und der Metallarbeiterverband schlug dem Kriegsministerium vor, eine Beschwerdestelle einzurichten. Am 31. Oktober 1915 eröffnete die erste, 17 weitere folgten.

Noch während des Krieges fand die erste Sitzung der paritätisch besetzen Industriekommission statt, die ein Arbeitsprogramm für zu verabschiedende Sozialgesetze, darunter auch die Errichtung von Einigungsämtern, beschlossen. Am 18. Dezember 1919 folgte das Gesetz „über die Errichtung von Einigungsämtern und über kollektive Arbeitsverträge“.

Den Einigungsämtern wurden drei Funktionen zugewiesen: bei Streitigkeiten aus dem Arbeitsverhältnis zu vermitteln, bei Differenzen, die aus betriebsrätlichen Tätigkeiten entstehen, als rechtssprechende Organe zu agieren und bei den Abschlüssen von Kollektivverträgen nicht nur mitzuwirken, sondern diese auch zu registrieren und kundzumachen. Das Gesetz regelte u. a. die Kollektivvertragsfähigkeit auf ArbeitgeberInnen- und ArbeitnehmerInnenseite, für wen die Verträge wo wie lange gelten, aber auch, was in den Verträgen festgelegt werden darf. Neben Löhnen und Arbeitszeit konnten nun auch Kündigungsbestimmungen und Vereinbarungen über Arbeitsvermittlung vereinbart werden.

Im Jahr 1921 gab es bereits 2.467 Kollektivverträge, die für 908.000 ArbeitnehmerInnen galten. Heute gibt es rund 860 Kollektivverträge, die für 98 Prozent der unselbstständig Erwerbstätigen gelten.

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In welcher Epoche verhandelten Gewerkschaften keine Kollektivverträge?
  • Monarchie
  • Erster Weltkrieg
  • Erste Republik
  • Nationalsozialismus
Während des Nationalsozialismus gab es keine Gewerkschaften.
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Nach dem sogenannten „Anschluss“ an das Deutsche Reich im März 1938 trat neben einer Vielzahl von NS-Gesetzen auch das Gesetz „zur Ordnung der nationalen Arbeit“ in Kraft. Es ersetzte das Kollektivvertragsgesetz durch das deutsche Tarifvertragsrecht. Der Reichstreuhänder legte von nun an die Arbeitsmindestbedingungen fest und seine Entscheidungen waren unanfechtbar. In den Unternehmen verfügten „Betriebsführer“ Arbeitsordnungen.

Sofort nach der Gründung des überparteilichen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) am 15. April 1945 und nach Kriegsende am 8. Mai 1945 begannen Kollektivvertragsverhandlungen. Es wurden provisorische Übereinkommen abgeschlossen oder vereinbart, dass die NS-Löhne weiter gelten. Erst mit der Verabschiedung des Kollektivvertragsgesetzes im Jahr 1947 standen die Ergebnisse wieder auf rechtlichen Füßen.

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Mit welchem Gesetz wurden im Jahr 1979 die Frauenlohngruppen in den Kollektivverträgen abgeschafft?
  • Gleichbehandlungsgesetz
  • Mindestlohngesetz
  • Kollektivvertragsgesetz
  • Arbeitsverfassungsgesetz
Mit der Verabschiedung des Gleichbehandlungsgesetzes im Jahr 1979 hätten eigentlich alle Frauenlohngruppen aus den Kollektivverträgen verschwinden sollen.
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Seit die ersten Kollektivverträge abgeschlossen wurden, gab es unterschiedlich hohe Frauen- und Männerlöhne. Diese „Tradition“ wurde auch nach 1945 weitergeführt. In der Ersten Republik lag die „Lohnspanne“ bei bis zu 70 Prozent, im Jahr 1979 bei 58 Prozent. In den Kollektivverträgen standen damals noch eigene Frauenlohngruppen, die weit unter jenen der Männer – die die gleiche Arbeit machten – lagen.

Dabei hätte es seit der Ratifizierung des ILO-Abkommens – über die Gleichheit des Entgelts männlicher und weiblicher Arbeitskräfte für gleichwertige Arbeit – im Jahr 1953 durch Österreich gar keine unterschiedliche Entlohnung mehr geben dürfen. Mit der Verabschiedung des Gleichbehandlungsgesetzes im Jahr 1979 begannen GewerkschafterInnen, BetriebsrätInnen und ArbeitgeberInnen, bestehende Kollektivverträge, Zusatzvereinbarungen und Betriebsvereinbarungen zu durchforsten, und sie wurden fündig: unterschiedliche Bewertungen von Zulagen, Beihilfen, Jubiläumsgeldern, Treueprämien, Pensionszuschüssen und Fahrtbegünstigungen und sogar beim Haustrunk gab es unterschiedliche Regelungen.

Zwar wurden in vielen Kollektivverträgen die Frauenlohngruppen gestrichen, dafür aber „Leichtlohngruppen“ eingeführt, und in diese wurden nun Frauen umgestuft oder die Frauenlohngruppen wurden einfach umbenannt in a-, b-, c-Lohngruppen. Der Gender Pay Gap betrug im Jahr 2019 immer noch 19,7 Prozent. Die Gründe dafür sind vielfältig: falsche Einstufung, fehlende Zeiten für Gehalts- und Lohnsprünge, Teilzeitarbeit sowie die Beschäftigung von Frauen in Niedriglohnbranchen.

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Was ist nicht in Kollektivverträgen geregelt?
  • Urlaubs- und Weihnachtsgeld
  • Zehrgelder
  • Löhne und Gehälter
  • Mitgliedschaft bei Gewerkschaft
In den Kollektivverträgen ist die Mitgliedschaft bei Gewerkschaften nicht geregelt.
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Die ersten Kollektivverträge beinhalteten meist Löhne, Gehälter und Arbeitszeiten, später kamen Überstundenzuschläge und das Urlaubs- und Weihnachtsgeld und eine Vielzahl von Regelungen hinzu. Die Mitgliedschaft bei der Gewerkschaft ist nicht in Kollektivverträgen geregelt. Aber bevor das Betriebsrätegesetz im Jahr 1919 in Kraft trat, gab es durchaus Klauseln in den Vereinbarungen, die besagten, dass die ArbeitgeberInnen die gewählten Vertrauenspersonen anerkennen müssen und dass niemand wegen der Mitgliedschaft in Gewerkschaften oder Fachvereinen gekündigt werden darf.

Bis ins Jahr 1934 galten Kollektivverträge oft nur für die Mitglieder der vertragsschließenden Gewerkschaften. Dies änderte sich im Austrofaschismus. Der Kanzlerdiktator Engelbert Dollfuß verbot die freien Gewerkschaften und ordnete die Gründung einer ständestaatlichen Einheitsgewerkschaft (EG) an. Von nun an übernahmen „von oben“ bestellte, statt von ArbeitnehmerInnen gewählte, Obmänner die Kollektivvertragsverhandlungen. Sie stimmten zahlreichen Verschlechterungen zu. Da die Mitgliederzahl in der Einheitsgewerkschaft nicht sehr hoch war, entschied man, dass die Kollektivverträge auch für Nicht-Mitglieder galten.

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Welchen Kollektivvertrag gibt es nicht?
  • Zusatzkollektivvertrag
  • Generalkollektivvertrag
  • Rahmenkollektivvertrag
  • Brückenkollektivvertrag
Es gibt eine Vielzahl von Kollektivvertragsvarianten – den Brückenkollektivvertrag hat aber noch niemand erfunden.
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Kollektivverträge sind schriftliche Vereinbarungen zwischen kollektivvertragsfähigen Körperschaften der ArbeitgeberInnen einerseits und der ArbeitnehmerInnen andererseits, die zur Regelung von Entlohnungs- und Arbeitsbedingungen abgeschlossen werden. Es gibt aber nicht nur den einen Kollektivvertrag, sondern eine Vielzahl von Varianten – darunter auch die Zusatzkollektivverträge.

Es bestehen Generalkollektivverträge, die von der WKÖ und dem ÖGB ausverhandelt werden und für alle Beschäftigen in Betrieben gelten, für die die Kammern der gewerblichen Wirtschaft die Kollektivvertragsfähigkeit besitzen. Zum Beispiel über die Karfreitagsregelung im Jahr 1952, die Einführung der 45-Stundenwoche im Jahr 1959, der etappenweisen Einführung der 40-Stunden-Woche im Jahr 1969, den Begriff des Entgelts und das Urlaubsgesetz ab 1. September 1974.

Der Rahmenkollektivvertrag umfasst ganze Branchen. Er regelt das Rahmenrecht wie Arbeitszeit und Krankenstand. Lohntafeln werden dann pro Branche/Bundesland extra festgelegt.

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Wie hoch ist die Kollektivvertragsabdeckung für unselbstständig Beschäftigte in Österreich?
  • 22 Prozent
  • 55 Prozent
  • 76 Prozent
  • 98 Prozent
Österreich hält den Weltrekord. Für 98 Prozent aller unselbstständig Beschäftigten in Österreich gilt einer der rund 860 Kollektivverträge, von denen etwa 500 jährlich verhandelt werden.
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Zum Vergleich (2018): In Deutschland arbeiten nur 55 Prozent der Beschäftigten in tarifgebundenen Betrieben. In Griechenland gab es vor den von der Troika verordneten „Reformen“ 250 Kollektivverträge, die jährlich verhandelt wurden, 2018 waren es nur mehr 20.

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